Das Dossier auf einen Blick

Studien, die wissenschaftlichen Standards nicht genügen, schaden dem Gesundheitswesen Schweiz.

Die Anforderungen an die Wissenschaftlichkeit sind: Unvoreingenommenheit, Transparenz, intellektuelle Redlichkeit. Viele Studien der Public Health erfüllen diesen Anspruch nicht, was bereits an ihren Datengrundlagen liegt. Sie sind von so geringer Aussagekraft, dass sie kaum tatsächlich Ursachen untersuchen, dafür aber so verwendet und instrumentalisiert werden können, dass sich ganz unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen lassen, je nach dem, welchen Schluss man wünscht. Der VEMS nennt solche Studien Janusstudien und fordert einen Paradigmenwechsel hin zu einer effektiven, wissenschaftlichen Zweckmässigkeitsforschung medizinischer Leistung und Versorgung.





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April 2016: 

Juli 2013:
Um den Bedarf an Leistungen in Heilung und Prävention zu gewährleisten, bedarf es der Versorgungsforschung und der daraus folgenden Beschlüsse auf politischer und gesetzlicher Ebene. Die Versorgungsforschung ist damit eine grundlegende Wissenschaft, deren Qualität erstrangig zu sein hat und die den Auflagen an die Wissenschaftlichkeit unbedingt und in jeder Hinsicht genügen muss. Public Health-Studien sind aber sehr komplex und entsprechend teuer. Ein kleines Land wie die Schweiz stösst da naturgemäss an seine Grenzen. Die logische Konsequenz daraus wäre die, wo immer möglich Analysen von Studien grösserer, vergleichbarer Länder wie Deutschland oder Dänemark durchzuführen und aufwändige Primärstudien nur wo nötig und mit vereinten Kräften verschiedener Institute zu erstellen. Die Schweiz geht einen anderen Weg – den falschen: Zu viele, zu kleine Institute erstellen zu viele, zu billige und zu wenig aussagekräftige Studien. Das Resultat sind dann immer noch so wenige Studien, dass sie in einem kleinen Land wie der Schweiz zu viel Gewicht haben, was aufgrund ihrer mangelnden Aussagekraft zu grosser Irritation mit verheerenden gesundheitspolitischen Implikationen führen kann, weshalb der VEMS diese Janusstudien nennt und fordert, sie mit effektiven Zweckmässigkeitsstudien zu ersetzen.

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Negative Folgen
Eine Versorgung, die auf einer mangelhaften Erhebung des Bedarfs basiert, kann nicht adäquat sein. Da sie am effektiven Bedarf aber natürlich nichts ändert, kommt es zu einer Unterversorgung. Mit der Folge entweder eines Mangels oder einer Verschiebung des Leistungserbringers: der Bedarf wird anderswo befriedigt. Im Gesundheitswesen findet tendenziell Letzteres statt, denn die Erhaltung der Gesundheit ist ein Grundbedürfnis. Solche Verschiebungen sind bei den Fallpauschalen zu beobachten, mit deren Einführung die Kosten in der spitalexternen postoperativen Betreuung anstiegen. Eine ungenügende Versorgung mit Spezialärzten führt zu einem ähnlichen Verschiebungseffekt: eine Kostenausweitung im ambulanten Bereich des Spitäler, wo der Spezialarzt mehr Anreize hat, unnötige Behandlungen durchzuführen als in seiner Praxis. Die Grundlage für den regulativen Entscheid des Zulassungsstopps für Spezialärzte fusst massgeblich auf der 2011 publizierten Studie von André Busato, Pius Matter et al. der Universität Bern mit dem Titel «Geographic variation in the costs of ambulatory care in Switzerland». Sie untersucht den Zusammenhang von Ärztedichte und Überarztung und kommt aufgrund gravierender Fehler im Studiendesign zum falschen Schluss, es sei naheliegend, dass eine höhere Verfügbarkeit medizinischer Leistungen zu mehr unangebrachten Behandlungen führe, vor allem bei den Spezialärzten. Die Implikationen dieses Schlusses sind enorm: Stärkung der Hausarztmedizin Eindämmung der Arbeit der Spezialisten mit Massnahmen wie Zulassunsstopps und Wirtschaftlichkeitskontrollen – mit der Folge höherer Kosten bei höherer Mortalität. Die Busato-Studie zeigt auf alarmierende Weise, dass im Bereich der Public Health-Studien der Schweiz dringender Bedarf an Professionalisierung besteht. Der VEMS setzt sich dafür ein, dass die Public Health-Studien der Schweiz den Anforderungen an die Wissenschaftlichkeit genügen: Unvoreingenommenheit, Transparenz, intellektuelle Redlichkeit. Diese Studien sind so grundlegend für die Entscheide der Gesundheitspolitik, dass sie unbedingt professionell erstellt werden müssen.

Download VEMS-Dokument Implikationen Busato-Studie



Die Arbeit des VEMS
Der VEMS hat die Studie «Geographic variation in the costs of ambulatory care in Switzerland» bereits im November 2011 geprüft und dem Autor ein Mängelprotokoll derselben zugeschickt. Bis heute bleibt er uns eine Antwort schuldig, weshalb wir von Prof. Dr. Jürgen Wasem (Lehrstuhl für Medizinmanagement Universität Duisburg-Essen) und der ForBiG GmbH ein neutrales Kurzgutachten zur Studie erstellen liessen. Dieses liegt nun vor und bestätigt die Einwände des VEMS. In der Folge haben wir Politik und Medien über die nun erwiesene Unprofessionalität der Studie informiert und die Schaffung von Grundlagen für einen Paradigmenwechsel weg von der Wirtschaftlichkeitsforschung und -beurteilung hin zur Forschung und Beurteilung der Zweckmässigkeit gefordert.

Download VEMS-Mängelprotokoll Busato-Studie
Download Kurzgutachten Prof. Wasem
Download VEMS-Stellungnahme Public Health-Studien


Resultate
Das Gutachten von Prof. Wasem stellt in der Busato-Studie folgende grundlegenden Fehler fest:
  • die mangelhafte Qualität der Datengrundlage von santésuisse (nicht alle Kassen liefern ihre Daten, Selbstzahler sind nicht erfasst)
  • die mangelhafte Risikostrukturadjustierung (Faktoren, die Auswirkungen auf den tatsächlichen Versorgungsbedarf haben, wie Alter und Morbidität, wurden nicht berücksichtigt)
  • der Migration bias wurde nicht berücksichtigt (Verzerrungen durch Patienten, die sich nicht am Wohnort behandeln lassen)

Gleichzeitig verweist das Gutachten auf eine Arbeit aus Deutschland, die dasselbe Problem unter Vermeidung der Mängel der Busato-Studie untersucht hat und zu genau gegenteiligen Schlüssen kommt:

  • Zwischen Krankheitslast und Arztdichte besteht kein Zusammenhang (Folie 13).
  • Regionale Unterschiede der Arztdichte werden ohne Berücksichtigung der Mitversorgungsfunktion deutlich überschätzt (Folie 23).
  • Nach Korrektur um Mitversorgungsfunktion: 1. Hoher negativer Zusammenhang zwischen Arztdichte und Leistungsdichte je Arzt sichtbar (je mehr Ärzte am Standort, desto geringer deren Leistung je Arzt im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung) 2. Potenzial für «angebotsinduzierte Nachfrage» ist reduziert. (Folie 24).
  • Mit höherer Anzahl ambulant tätiger Aerzte sinkt die Hospitalisationsarte (p<0.0001, Folie 28)
  • Mit höherer Anzahl ambulant tätiger Aerzte sinkt die Mortalitätsrate (p<0.0001, Folie 28)

Unsere Kampagne
Das
Unsere Kampagne im Dossier «Public Health» richtet sich in einer ersten Phase an die Entscheider und Berater in Politik und Behörde sowie an die Medien, welche dieses Problem und seine Tragweite bisher zu wenig erkennen und teilweise eine unreflektierte Sichtweise vermitteln. Alle Informationen zur Kampagne finden Sie hier: www.vems.ch/public-health-kampagne